Das Dilemma

von Dr. med. Ludwig V. Geiger

 

Stellen sie sich vor, ein mit Steinen beladener Zugwagon hat sich gelöst und rast ungebremst bergab auf eine Weiche zu, die sie bedienen müssen. Sie haben nur die Möglichkeit, den Wagon auf ein linkes oder rechtes Gleis zu leiten, Abbremsen ist nicht mehr möglich.

Zu ihrem Entsetzen sehen sie auf dem rechten Gleis fünf ahnungslose unbekannte Personen, auf dem linken eine. Wie würden Sie entscheiden? Obwohl es grausam klingt, werden sie sich wohl, wie die meisten Menschen, für das linke Gleis entscheiden. Stellen sie sich nun aber weiter vor, bei der einzelnen Person links handelt es sich um ihren besten Freund, wie fällt ihre Entscheidung dann aus?  Doch genug des zugegebenermaßen grausamen fiktiven Spiels, das in verschiedensten Variationen in der Ethik der Psychologie unter dem Namen Trolley-Problem als Modell dient.

Es soll uns vor Augen führen, dass es ethisch-moralisch zwiespältige Fragestellungen gibt, die nicht reinen Gewissens beantwortet werden können. Das Dilemma des Trolly-Problems ergibt sich aus der Sichtweise des Akteurs: Er rettet einem oder mehreren Menschen das Leben, nimmt dafür aber gleichzeitig den Tod der anderen in Kauf. Überträgt man diese Problematik auf weniger dramatische, doch gleichfalls bedeutsame Entscheidungen, die wir oft gar nicht aus dieser Sichtweise wahrnehmen oder wahrnehmen wollen, lassen sich beispielhaft anführen: Schutzverpackungen aus Plastik / Zerstörung der Meere und ihrer Bewohner; Billigfleisch /unwürdige Massentierhaltung und Tierquälerei; günstige Obst- und Pflanzenprodukte / gesundheitsschädigende Bedüngungs- und Pflanzenschutztechniken usw. Doch damit nicht genug, wir konterkarieren diese Problematik zusätzlich, weil wir Wälder und Urwälder vernichten und damit die Bäume fällen, auf deren Ästen wir selbst sitzen….

Während wir Erwachsenen aus der Sichtweise der Ethik „autonome Freiheitsträger“ sind und selbst Nutzen und Schaden definieren können (sollten!), was ist mit unseren Kindern? Auch sie tragen die Sehnsucht nach freier Entscheidung in sich. Da die ethisch-moralischen Instanzen des Gehirns über beständige Lernprozesse aber erst bis zum Ende der Pubertät ausgereift sind, ist der kindlichen Entwicklung unter diesem Aspekt besonderes Augenmerk zu schenken. Nehmen wir dazu beispielhaft den Sport, den wir Kindern als Lebenshilfe und moralischen Lehrmeister so gerne empfehlen. Kinder und Jugendliche orientieren sich bevorzugt am Spitzensport. Ihre Bewunderung gehört sportlichen Größen und deren Höchstleistungen. Was aber, wenn die Medien immer wieder über Dopingfälle, Steuerhinterziehung, Briefkastenfirmen und Sportbetrug berichten und einige der Besten an Pokertischen, vor Gericht und in seichten Promigewässern zeigen, wenn selbsternannte skrupellose Manager die jahrelange Leistung von Athleten, Trainern, Verbänden und staatlichen Institutionen finanziell abschöpfen, ohne jemals einen Finger krumm gemacht zu haben? Dient Sport dann auch als erstrebenswertes Vorbild? Wären da nicht viele vernünftige Eltern, verständnisvolle Lehrer und vor allem Sportvereine mit ihren ehrenamtlichen Trainern, müsste man daran zweifeln. Denn der Sport ist kein Panoptikum für geldgeile Manager und überzogenem Enthüllungsjournalismus, sondern  eine Lebensschule, eine biologische Notwendigkeit im Kampf gegen Wohlstandkrankheiten und Krebs, vor allem aber ein menschenverbindendes Medium. In diesem Sinne schult er moralisches Empfinden und hilft moralische Dilemmata zu vermeiden.

 

Dr. med. Ludwig V. Geiger

Facharzt für Allgemeinmedizin

Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin

Sportmedizin

Promotion in Psychiatrie

Autor

www.luk-geiger.de